Rezension: Friedemann – Ich leg mein Wort in euer Ohr

Das dritte Soloalbum des Sängers der norddeutschen Hardcore-Band COR Friedemann Hinz verlangt dem Hörer eine Entscheidung ab: Ob er Musik als mitwippbare Soundtrackuntermalung für sein Leben bevorzugt oder sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen bereit ist. Zuhören kann, nicht nur mit einem Ohr.

Beides ist legitim. Aber ersteres wird bei Ich leg mein Wort in euer Ohr nicht gut funktionieren, dafür ist das Album zu fordernd. Ausgehend vom Singer/Songerwriter-Genre bedient sich Friedemann vieler verschiedener Stilmittel, die wie Stromschnellen aus einem ruhig plätschernden Bach ein unberechenbares Gewässer machen. Im Song Die Alternative prescht es nach zwei Minuten unvermittelt laut voran; der Titeltrack eröffnet mit einer leicht schrägen funky Einlage. Wissend zurücklehnen kann man sich nie.

Wichtig, und das ist bei Friedemann nichts Neues, sind die Texte, mit sprödem Gesang vorgetragen, in denen die Gesellschaft auch schmerzhaft seziert wird. Der Rügener spricht zu uns, nicht immer unmittelbar entschlüsselbar, über Gemeinschaft, Angst, Terror und mehr, das wichtig ist – bist du bereit, ihm zuzuhören?

Ich leg mein Wort in euer Ohr erscheint am 14. September via Exile on Mainstream / Soulfood.

Veröffentlicht unter Musik

Rezension: Reverend Backflash – Too Little Too Late

Knallt geradeheraus inklusive Sternchenglitzerfaktor. Das obige Logo der Wiener Punk-Glamrocker Reverend Backflash könnte zwar etwas fresher sein, passt aber ansonsten top zu ihrer Musik. Und die ist noch richtig fresh dazu.

Sofortiger Spaßausbruch ist beinah garantiert, wenn sich der rockaffine Hörer durch die zwölf Tracks auf Too Little Too Late rauscht. Da ist eine gewisse Punk-Attitüde, die für den Fetzigkeitsfaktor sorgt, während breitbeiniger Rock ’n Roll Standfestigkeit verleiht. Da das Ganze aber in einer Popdisco stattfindet, geht es durchweg fröhlich-leichtfüßig geradeaus.

Gelgentlich sorgen Punk ’n Roll untypische Bläser im Hintergrund für nach oben zuckende Mundwinkel. An anderen Stellen erklimpert ein Tasteninstrument die Extraportion Schwung. Singalongs animieren gerne auch mehrstimmig zu Mitmachhöchstleistungen. Abwechslung gibt es also, sie zeigt sich aber eher im Detail. Stilistisch gibt es weder Ausreißer noch größere Experimente.

Zu verbissen darf man den Sport nicht sehen beim Reverend. Ruhig Blut, das ist trotzdem kein Kindergeburtstag. Die Gitarre versteckt sich nie, sondern ist Stargast auf der wilden, aber friedlichen Spätsommer-Party. Das Tempo bleibt durchgehend hoch, gekuschelt wird später.

Nicht jeder Song kassiert die volle Punktzahl, keiner geht ganz leer aus. Alle rocken. Und zeigen das Potential der vier Österreicher. Seit 2003 spielen sie sich langsam aber sicher nach oben. Gutes Songwriting, technisch fit, solide produziert – sie sind schon weit gekommen. Wird spannend zu beobachten sein, ob sie sich weiter steigern. Poppiger sollten sie allerdings nicht werden, um noch als Rocker gelten zu können.

Wird bestimmt nicht beim Jahrestreffen der schweren Jungs des örtlichen Motorradclubs laufen, aber die verstehen ja auch oft keinen Spaß.

Too Little Too Late erscheint am 14. September via Pogo’s Empire.

Veröffentlicht unter Musik

Artikelbombe

Fotobomben kennt doch jeder? Wenn z.B. hinter dem dümmlich grinsenden Pärchen ein wild grimassierender Nackter vorbeispringt und die Aufmerksamkeit des späteren Bildbetrachters auf sich zieht?

Als dieses Konzept auf ein anderes Medium übertragen könnte man vielleicht die Schockaktionen Tyler Durdens in Fight Club ansehen, wenn er sehr themenfremde Bildschnipsel in Kinorollen einfügt, die den Fokus effektiv vom eigentlich Film lenken.

Vielleicht ist der vorliegende Fall davon inspiriert: Artikelbomben. Durch Zufall bin ich auf einen kleinen Erklärbär-Text von chip.de gestoßen. Den wollte wohl jemand etwas aufpeppen, und hat ein nicht recht zum Rest passendes Wort eingefügt. Boom.

That sucks!

Man gab den Neunzigern zu wenig Zeit. Ärgerlich! Das hat dieses coole Jahrzehnt nicht verdient. Es wurde so liebevoll in der Coming-Of-Age-Dramedy-Serie „Everything sucks!“ von Netflix portraitiert. Der US-Highscoolalltag vor allem. Klassischer Pop-Stoff also. Unterlegt mit ganz viele Ausrufezeichen setzender Musik. Gleich in der ersten Szene erklingen The Mighty Mighty Bosstones!

Und sonst? Starke Schauspieler in Geschichten über Nerds, eine Theater-AG, verlorene Väter und toughe Mütter. Über unwahrscheinliche Lieben, Freundschaft, Mut. Und mit toller Musik halt! Nein, eine der besten Serien aller Zeiten ist „Everything Sucks!“ mit seiner ersten Staffel noch nicht geworden. Bei weitem nicht. Aber ein sehr liebenswertes Stück TV-Unterhaltung. Eines, bei dem man sich gleich nach der letzten Folge (mit Cliffhanger!) auf die nächste Staffel freut.

Um dann entäuscht zu erfahren, dass Netflix die Serie etwa zwei Monate nach Erscheinen der ersten Staffel schon abgesetzt hat. Abgesetzt ist bei einem Streaming-Anbieter natürlich nicht ganz das richtige Wort. Sehen kann man sie ja jederzeit. Nur fortgesetzt wird sie leider nicht.

Es gibt so viele gute Serien da draußen. Ich selber hole teilweise noch den ein oder anderen Klassiker nach, während ich interessante Neuerscheinungen auf meine To-Do-Liste schiebe. Plötzlich habe ich die Sorge, dass spannende Projekte eingestellt werden, wenn sie nicht schnell genug geguckt werden. Zum Teil ist diese Herangehensweise der Anbieter vielleicht verständlich, schade aber auf jeden Fall.

Doch nichts ist in Stein gemeißelt. Vielleicht bekommt „Everything sucks!“ ja doch noch eine Chance, wenn im Laufe der Zeit genug Zuschauer darauf aufmerksam werden. Los, Kinder der Neunziger, los!

Rezension: Solo – A Star Wars Story

Eben erst war Die letzten Jedi im Kino, schon folgt mit Solo – A Star Wars Story der zweite Ableger-Film der Krieg der Sterne-Saga unter Disney. Der geringe Abstand hat mit den Verschiebungen der letzten Filme zu tun, war ursprünglich nicht geplant. Gut möglich also, dass man künftig wieder zu dem jährlichen Abstand zurückkehrt. Zumal der nächste Streifen aus der weit, weit entfernten Galaxis erst im Dezember 2019 erscheinen wird.

Bis dahin bietet der aktuelle Film vor allem kurzweilige Unterhaltung. Solo macht Spaß, ist rasant, witzig, gut gespielt und einfach charmant. Dass es kein Werk für die Ewigkeit ist, geschenkt. Warum sollten Star Wars-Filme das immer sein? Die Geschichte ist in sich stimmig, aber weder aufregend neu noch golden klassisch. Punkte sammeln die Figuren, die Atmosphäre. Die Details.

Und an diesem Punkt wird es für einen Rezensenten, der glühender Fan des Franchises ist, schwierig. Wie mag ein „normaler“ Kinogänger auf den Film reagieren? Keine Ahnung! Bin ich nicht. Ich liebe die vielen kleinen Anspielungen, die teils nur hartgesottene Fans verstehen. Ich finde es nicht ermüdend, dass längst etablierte Gegebenheiten bebildert werden. Wie Han den Falken gewann. Wie er Chewbacca traf und so weiter. Das ist guter Stoff!

Schauspielerisch glänzt Solo durchweg. Alden Ehrenreich gibt den jüngeren Han verblüffend gut; Emilia Clarke, Woody Harrelson, Donald Glover und Paul Bettany machen alles richtig. Zugegeben, von dem momentan hochgelobten Glover hatte ich noch etwas mehr erwartet. Hat vielleicht damit zu tun, dass bei mir nicht automatisch Assoziationen zum früheren Lando Calrissian geweckt wurden. Was wiederum damit zu tun haben könnte, dass dieser nicht annähernd die Screentime und Bedeutung eines Han Solos hatte, welcher extrem prägend war.

Die musikalische Untermalung ist bei Star Wars mehr als eben das, sie trägt grundlegend zum Erlebnis bei. Doch eingehen werde ich hier nicht weiter darauf, da dazu wahrscheinlich weitere Sichtungen notwendig wären. Neue Themen – Han Solos ist immerhin vom Meister John Williams persönlich geschrieben – haben sich nicht in meinen Ohren vergraben, das war in vorigen Filmen anders. Aber abwarten. Negativ ist nichts aufgefallen.

Am Rande, weil es eher selten ist: Besonders lobenswert ist die deutsche Synchronisation. Der junge Han ist fantastisch getroffen.

Durchaus möglich, dass hier ein Sub-Franchise entsteht und uns weitere Solo-Filme erwarten. Das Ende lässt es vermuten, und meine Stimme haben sie. Mein Geld sowieso. Gebt. Mir. Mehr!

Europas seligmachende Chance?

Entertainment, Show, Circus – auch dafür steht die Abkürzung ESC nicht, der Eurovision Song Contest jedoch durchaus. Am Samstag fand das Finale des 63. ESCs in Lissabon statt. Millionen Menschen weltweit werden das Spektakel verfolgt haben. Warum eigentlich?

Es gibt den oft genutzten Begriff Lagerfeuer TV, der auf den ESC sicher im besonderen Maß zutrifft. Gefühlt ganz Europa versammelt sich vor dem Fernseher; endlich ist es mal vereint. Das schaffen sonst nur Sportübertragungen. In Europas Fall also Fußball oder Olympia. Und wie beim Sport handelt es sich beim ESC um einen Wettkampf, bei der man der eigenen Nation die Daumen drückt und einen kleinen Einblick in das Seelenleben von anderen erhascht.

Im Gegensatz zu Fußball und co. fehlt beim Song Contest jedoch überwiegend der verbissene, schier heilige Ernst – jedenfalls beim Publikum. Stattdessen dominieren Spaß, Irrsinn und teilweise diebische Freude, wenn Künstler sich und ihren Auftritt doch sehr ernst nehmen, die Darbietung dagegen eher unfreiwillig komisch ist. Man könnte es auch Trash nennen, wobei diese Bezeichnung alleine noch nicht ausreicht.

Vielfalt ist eine Stärke, zu der sich der ESC hinentwickelt hat. Und damit einhergehend Unberechenbarkeit. Beides erzeugt Spannung und fasziniert. Unterschiedlichste Stile werden gespielt, musikalisch schlicht bis virtuos. Bekloppt bis bieder, Mainstream und Nische. Ein sicheres Rezept für den Gewinn scheint es nicht zu geben.

Schaut man sich vergangene Sieger wie Lordi, Lena, Conchita Wurst, den letztjährigen Gewinner Salvador Sobral und die aktuelle Erstplatzierte Netta an, fällt es schwer, Gemeinsamkeiten zu finden. Zumindest musikalisch. Man könnte viele von ihnen allerdings als in irgendeiner Form als sehr auffällig bezeichnen. Netta, Sobral und Lordi fielen z.B., jeweils sehr unterschiedlich, stilistisch aus dem Rahmen des üblichen ESC-Liedgutes. Netta, Lordi und Conchita Wurst stachen zudem optisch hervor.

Ein Herz für Außenseiter könnte man dem europäischen (und mittlerweile auch australischem) Publikum also unterstellen, doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Jury und Publikum entscheiden über die Punkte, und insbesondere das Publikum ist schwer einzuschätzen. Hier entsteht auch der Nährboden für Verschwörungstheorien über Nachbarn, die sich untereinander Punkte zuschieben und Abstrafungen für Politik bzw. die Vorstellung eines Spiegels der Beliebtheit von einzelnen Ländern. Was davon zutrifft ist nicht so wichtig, denn es fügt auf jeden Fall eine Ebene der Spannung hinzu und steht im Kontrast zu dem eingangs erwähnten Zusammengehörigkeitsgefühl des Lagerfeuerfernsehens. Mitglieder einer Nationen rücken zusammen angesichts der vermeintlich ablehnenden Haltung anderer Nationen.

Im besten Fall wird die Nationalität jedoch unwichtig, wenn die Sieger auf einer höheren, inhaltlichen Ebene das Publikum vereinen können. Dann werden Ideen von Freiheit, Gleichheit, Diversität oder einfach Liebe in Europa und der Welt geteilt. Ist der ESC nicht also eine tolle Veranstaltung? Wenn er bloß nicht über weite Strecken so langweilig wäre …