die gute alte Schule

Durch Gespräche mit Freunden ist mir wieder bewusst geworden, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Kunst sein kann. Streiten wir uns jetzt nicht um den Kunstbegriff, sondern zählen auch Kunsthandwerk dazu, als welches man Tätowieren vielleicht am treffendsten bezeichnen kann. Und mir geht es auch nicht um die Bewertung vom Tätowiertsein generell, das manche toll, andere grässlich finden. Ich rede von Stilrichtungen, genauer vom Old School-Stil, auch Traditional oder Western Traditional genannt.

Und das ist schon die erste Erkenntnis, die dem Thema Ferne oft noch gar nicht erlangt haben. Es gibt viele unterschiedliche Tätowierstile. Neben besagter Old School z.B. Black & Grey Realistic, Neo Traditional, Japanese, Blackwork, Aquarell usw. Innerhalb dieser Spielarten kann die Qualität natürlich schwanken. Es gibt gute und schlechte Traditionals. Was man aber nicht sinnvoll sagen kann, ist, dass etwa Realistic, um ein angesagtes Beispiel zu nehmen, hochwertiger als Traditional ist. Genau das scheinen Laien aber manchmal anzunehmen.

Traditionals zeichnen sich durch ihre Einfachheit, ihre klare Bildsprache aus. Sie sind plakativ. Ihre technische Umsetzung trägt dem Medium Haut, das dem menschlichen Alterungsprozess sowie Wettereinflüssen ausgesetzt ist, Rechnung. Soll heißen, dass sie auf (lebens)lange Haltbarkeit ausgerichtet sind. In dieser Reduktion liegt die Kunst. Die Essenz eines Motives herauszuarbeiten. Den richtigen Ausdruck einzufangen.

Zudem, und das ist eher für die Liebhaber interessant, steckt in ihnen die Geschichte des neuzeitlichen westlichen Tätowierens. Geschichten des Seefahrens, von Hafenstädten, Außenseitern und alten Meistern. Ein solcher ist Christian Warlich:

Vorlagenblatt (Ausschnitt), Nachlass Christian Warlich. Sammlung William Robinson. Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Nun, auch im Western Traditional gab es eine gewisse Entwicklung. Seit Warlich ist viel Zeit vergangen und heutige Old School-Meister stechen etwas ausgereiftere Designs. Was aber nicht zwangsläufig einen höheren Detailgrad oder mehr Farben bedeutet. Radikale Einfachheit kann ein bewusstes Stilmittel sein. Es geht mehr um handwerkliche Perfektion. Das, was man machen will, einwandfrei umzusetzen. Zu Warlichs Zeiten gab es noch mehr Ungenauigkeiten oder kleinere Fehler in den Motiven. Diese werden heutzutage nur von absoluten Hardlinern bewusst übernommen.

In Traditionals liege die wahre Kunst, so die Aussage eines sehr begabten deutschen Allround-Tätowierers. Ob man sie teilt, bleibt wahrscheinlich Ansichtssache; zumindest lässt sich ausgiebig darüber diskutieren. Wichtig bleibt die Erkenntnis, dass etwa maximaler Realismus, höchste Farbvielfalt oder völlige Neuartigkeit nicht Qualitätsmerkmale darstellen, die automatisch schwerer wiegen als die Einfachheit der guten alten Schule.

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Rezension: Kissin‘ Dynamite: Ecstasy

Zum im Juli bei Sony Music erschienen Album Ecstasy der Schwaben Kissin‘ Dynamite findet man im Netz haufenweise Besprechungen. Ist auch immerhin schon das sechste Album in der zehnjährigen Bandgeschichte und setzt eine Erfolgsgeschichte fort, die saustarken Hardrock, genauer wohl Glam Metal mit Sleaze-Einschlag, made in Germany beinhaltet.

Wichtigstes Merkmal vom Glam Metal ist die gute Laune, die beim Hören von stadiontauglichen Hymnen aufkommt. Ein erhebendes Gefühl, das die Faust in die Luft befördert. Das ganze unterfüttert von treibenden Gitarren. Lieblich (Pop), aber wild (Rock). Und manchmal ein bisschen bombastisch. Wie die perfekte Freundin. (Oder der perfekte Freund?)

Der Trick dabei, diese in den 80ern verhaftete Spielart der Rockmusik in die Gegenwart zu transportieren, ist ja, in Bezug auf Melodien und Spielfreude den alten Klassikern ebenbürtig zu sein, produktionstechnisch aber frisch aus den Boxen zu knallen. Kissin‘ Dynamite – allein der Name! – liefern da gekonnt ab.

Melodien können sie, auch wenn Bon Jovi vielleicht noch nicht erreicht werden. Gesang, Instrumente, alles tadellos. Und trotz betagtem Genre klingt das Gesamtpaket so lässig und stimmig, als würde in Deutschlands Radios nichts anderes laufen, sprich als würde jeder hier von klein auf damit groß. Nimm das, Mainstream! Also wortwörtlich.

https://www.kissin-dynamite.de/images/galerie/press/Kissing_Dynamite_4_2018_Patrick_Schneiderwind.jpg

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Rezension: Friedemann – Ich leg mein Wort in euer Ohr

Das dritte Soloalbum des Sängers der norddeutschen Hardcore-Band COR Friedemann Hinz verlangt dem Hörer eine Entscheidung ab: Ob er Musik als mitwippbare Soundtrackuntermalung für sein Leben bevorzugt oder sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen bereit ist. Zuhören kann, nicht nur mit einem Ohr.

Beides ist legitim. Aber ersteres wird bei Ich leg mein Wort in euer Ohr nicht gut funktionieren, dafür ist das Album zu fordernd. Ausgehend vom Singer/Songerwriter-Genre bedient sich Friedemann vieler verschiedener Stilmittel, die wie Stromschnellen aus einem ruhig plätschernden Bach ein unberechenbares Gewässer machen. Im Song Die Alternative prescht es nach zwei Minuten unvermittelt laut voran; der Titeltrack eröffnet mit einer leicht schrägen funky Einlage. Wissend zurücklehnen kann man sich nie.

Wichtig, und das ist bei Friedemann nichts Neues, sind die Texte, mit sprödem Gesang vorgetragen, in denen die Gesellschaft auch schmerzhaft seziert wird. Der Rügener spricht zu uns, nicht immer unmittelbar entschlüsselbar, über Gemeinschaft, Angst, Terror und mehr, das wichtig ist – bist du bereit, ihm zuzuhören?

Ich leg mein Wort in euer Ohr erscheint am 14. September via Exile on Mainstream / Soulfood.

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Rezension: Reverend Backflash – Too Little Too Late

Knallt geradeheraus inklusive Sternchenglitzerfaktor. Das obige Logo der Wiener Punk-Glamrocker Reverend Backflash könnte zwar etwas fresher sein, passt aber ansonsten top zu ihrer Musik. Und die ist noch richtig fresh dazu.

Sofortiger Spaßausbruch ist beinah garantiert, wenn sich der rockaffine Hörer durch die zwölf Tracks auf Too Little Too Late rauscht. Da ist eine gewisse Punk-Attitüde, die für den Fetzigkeitsfaktor sorgt, während breitbeiniger Rock ’n Roll Standfestigkeit verleiht. Da das Ganze aber in einer Popdisco stattfindet, geht es durchweg fröhlich-leichtfüßig geradeaus.

Gelgentlich sorgen Punk ’n Roll untypische Bläser im Hintergrund für nach oben zuckende Mundwinkel. An anderen Stellen erklimpert ein Tasteninstrument die Extraportion Schwung. Singalongs animieren gerne auch mehrstimmig zu Mitmachhöchstleistungen. Abwechslung gibt es also, sie zeigt sich aber eher im Detail. Stilistisch gibt es weder Ausreißer noch größere Experimente.

Zu verbissen darf man den Sport nicht sehen beim Reverend. Ruhig Blut, das ist trotzdem kein Kindergeburtstag. Die Gitarre versteckt sich nie, sondern ist Stargast auf der wilden, aber friedlichen Spätsommer-Party. Das Tempo bleibt durchgehend hoch, gekuschelt wird später.

Nicht jeder Song kassiert die volle Punktzahl, keiner geht ganz leer aus. Alle rocken. Und zeigen das Potential der vier Österreicher. Seit 2003 spielen sie sich langsam aber sicher nach oben. Gutes Songwriting, technisch fit, solide produziert – sie sind schon weit gekommen. Wird spannend zu beobachten sein, ob sie sich weiter steigern. Poppiger sollten sie allerdings nicht werden, um noch als Rocker gelten zu können.

Wird bestimmt nicht beim Jahrestreffen der schweren Jungs des örtlichen Motorradclubs laufen, aber die verstehen ja auch oft keinen Spaß.

Too Little Too Late erscheint am 14. September via Pogo’s Empire.

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Artikelbombe

Fotobomben kennt doch jeder? Wenn z.B. hinter dem dümmlich grinsenden Pärchen ein wild grimassierender Nackter vorbeispringt und die Aufmerksamkeit des späteren Bildbetrachters auf sich zieht?

Als dieses Konzept auf ein anderes Medium übertragen könnte man vielleicht die Schockaktionen Tyler Durdens in Fight Club ansehen, wenn er sehr themenfremde Bildschnipsel in Kinorollen einfügt, die den Fokus effektiv vom eigentlich Film lenken.

Vielleicht ist der vorliegende Fall davon inspiriert: Artikelbomben. Durch Zufall bin ich auf einen kleinen Erklärbär-Text von chip.de gestoßen. Den wollte wohl jemand etwas aufpeppen, und hat ein nicht recht zum Rest passendes Wort eingefügt. Boom.

That sucks!

Man gab den Neunzigern zu wenig Zeit. Ärgerlich! Das hat dieses coole Jahrzehnt nicht verdient. Es wurde so liebevoll in der Coming-Of-Age-Dramedy-Serie „Everything sucks!“ von Netflix portraitiert. Der US-Highscoolalltag vor allem. Klassischer Pop-Stoff also. Unterlegt mit ganz viele Ausrufezeichen setzender Musik. Gleich in der ersten Szene erklingen The Mighty Mighty Bosstones!

Und sonst? Starke Schauspieler in Geschichten über Nerds, eine Theater-AG, verlorene Väter und toughe Mütter. Über unwahrscheinliche Lieben, Freundschaft, Mut. Und mit toller Musik halt! Nein, eine der besten Serien aller Zeiten ist „Everything Sucks!“ mit seiner ersten Staffel noch nicht geworden. Bei weitem nicht. Aber ein sehr liebenswertes Stück TV-Unterhaltung. Eines, bei dem man sich gleich nach der letzten Folge (mit Cliffhanger!) auf die nächste Staffel freut.

Um dann entäuscht zu erfahren, dass Netflix die Serie etwa zwei Monate nach Erscheinen der ersten Staffel schon abgesetzt hat. Abgesetzt ist bei einem Streaming-Anbieter natürlich nicht ganz das richtige Wort. Sehen kann man sie ja jederzeit. Nur fortgesetzt wird sie leider nicht.

Es gibt so viele gute Serien da draußen. Ich selber hole teilweise noch den ein oder anderen Klassiker nach, während ich interessante Neuerscheinungen auf meine To-Do-Liste schiebe. Plötzlich habe ich die Sorge, dass spannende Projekte eingestellt werden, wenn sie nicht schnell genug geguckt werden. Zum Teil ist diese Herangehensweise der Anbieter vielleicht verständlich, schade aber auf jeden Fall.

Doch nichts ist in Stein gemeißelt. Vielleicht bekommt „Everything sucks!“ ja doch noch eine Chance, wenn im Laufe der Zeit genug Zuschauer darauf aufmerksam werden. Los, Kinder der Neunziger, los!