Rezension: Turbobier – King Of Simmering

Mal wieder Österreich und mal wieder ein Bandname, der augenzwinkernden (?) Spaß verspricht: Wiens Turbobier legen mit King of Simmering ihr drittes Album vor. Alles Schmarrn oder Riesengaudi?

Kurz gesagt: Die zehn Songs gehen richtig gut rein! Feiner Fun-Punk mit großem Spektrum. Da gesellt sich im ersten Song Heute fahr ma Polizei Sprechgesang, auch von Gastvokalist Paul Pizzera, zu Marco Pogos angerautem Gesang, im spaßig getexteten Mord im Affekt unterstützt ein eingestreuter Offbeat die Stimmung, Titeltrack King of Simmering blödelt mit beklopptem Denglisch und im schönen VHS darf sogar Melancholie aufkommen, während zugleich das Leben gefeiert wird.

Eindimensional klingt also anders. Richtig gepunktet wird aber mit der Eingängigkeit aller Songs, die aus der Scheibe eine Ansammlung von kleinen Hits macht, die live sicher zünden werden und auch zuhause schon beträchtlich die Laune anheben. Dass das alles keinen Innovationspreis gewinnt, darf diejenigen stören, die nur an Neuem Gefallen finden bzw. denen das Beschreiten neuer Wege wichtiger ist als Altbewährtes in frischer Form.

Für ans Wienerisch nicht gewohnte deutsche Hörer kann der Gesang einen ungewollt komischen Effekt haben; die Texte werden vielleicht auch (zunächst) nicht ganz verstanden. Das gibt sich nach ein paar Durchläufen, in denen die Songs zudem weiter wachsen und sich nicht abnutzen. Die solide Produktion unterstützt den runden Eindruck – Gitarren klingen so, wie sie klingen sollen und alles ist am richtigen Platz.

Die Erfolgsgeschichte von Turbobier, die mit ihrem Debutalbum den Amadeus Austrian Music Award einheimsen konnten, mit dem Nachfolger die österreichische Chartspitze erklommen, bereits durch China und Japan tourten und sogar ein eigenes Bier vertreiben, wird zweifellos weitergehen.

King of Simmering erscheint am 8. März via Pogo’s Empire/Sony Music.

mad, sad Pop

Via Pressetext bin ich auf eine interessante Meldung gestoßen: Songtexte von Popmusik werden seit den Fünfzigerjahren zunehmend wütender und trauriger. Forscher der Lawrence Technological University haben 6.150 Hits der Billboard Hot 100 aus den Jahren 1951 bis 2016 vom Computer analysieren lassen. Durchaus eine stattliche Datenbasis. Allerdings beziehen sich die Billboard Hot 100 nur auf den US-Musikmarkt.

Man kann noch ein paar Einzelheiten herausheben, etwa, dass in den Jahren von 1982 bis 1984 die Liedertexte fröhlicher waren als zu jeder anderen Zeit seit den Fünfzigern, oder dass seit Mitte der Neunziger die Wut besonders deutlich anstieg, 2015 aber erst ihren Höhepunkt fand. Unter dem Strich bleibt jedenfalls der stetige Anstieg von vor allem Wut, aber auch Trauer, Angst etc.

Die Gründe hierfür zeigt die Studie nicht auf. Das lädt doch zum Nachdenken ein … Naheliegend: Die Zeiten werden immer schlechter oder schwieriger, die Menschen reagieren mit dementsprechenden Emotionen, was sich wiederum in ihrem Musikgeschmack widerspiegelt. Klingt fast zu einfach als Erklärungsansatz.

Werden die Zeiten immer schlechter oder schwieriger? Das zu beantworten, dürfte einige Abhandlungen erfordern, die womöglich dennoch kein eindeutiges Ergebnis liefern. Die Anforderungen, die die Welt an uns stellt, werden komplexer, die Sinne stärker gereizt. Das kann man guten Gewissens sagen. Globales, vernetztes, digitales Leben. Schnelles Leben. Dass der Mensch darauf mit Stress reagiert, welcher zu Wut und Trauer führen kann, ist plausibel.

Man kann auch einen anderen Blickwinkel einnehmen. Die gesellschaftliche Freiheit hat seit den Fünfzigern zugenommen. Bürgerrechtsbewegungen, 68er, Hippies und co. Die Freiheit, sich auszudrücken, wie man möchte. Das Brechen von Fassaden und Konventionen. Etwa dem Diktat der guten Laune. Es ist okay, wütend zu sein und es durch das Hören entsprechender Musik auszuleben. Wut und Trauer werden enttabuisiert.

Oder nimmt die Empathie zu, die die Menschen das Leid auf der Welt deutlicher wahrnehmen lässt, was wiederum zu mehr Wut und Trauer führt? Oder liegt es an vermehrten medialen Möglichkeiten, diese Missstände wahrzunehmen (was ersteres natürlich nicht ausschließt – vielleicht rücken z.B. die Menschen durch die, auch mediale, Globalisierung enger zusammen, was ihr Mitgefühl füreinander erhöht)? Oder gibt es einfach Moden in der Popmusik, die sich über Jahrzehnte erstrecken, was bedeuten könnte, dass uns als nächstes, nach dem Anstieg der Wut, ein jahrzehntelanger Anstieg der Fröhlichkeit in Texten bevorsteht? Oder ist das alles nur Zufall?

Eine Antwort habe ich, wer hätte es gedacht, auch nicht.

Rezension: Bring Me The Horizon – amo

Musik ist Kunst, klar. Kunst sollte frei von Konventionen sein. Schon weniger klar, aber ich behaupte es mal. Denn dadurch wird eine Sichtweise ermöglicht, die ich selber gar nicht unbedingt einnehme, die aber verbreitet ist: Dass Genre-Werke, etwa in Literatur oder eben Musik, weniger künstlerisch anspruchsvoll sind als Werke, die sich Kategorisierungen entziehen.

Bring Me The Horizon waren mal eine große Metalcore-Band. Böse Gitarren, Geschrei, auf die Fresse, teils mit Melodie, diese aus dem Hardcore entstandene, kürzlich modern gewesene Stilrichtung eben. Treue Anhänger jener Mixtur werden mit amo womöglich weniger Freude haben.

BMTH haben die Spielregeln des Metalcore gebrochen, viel mehr als zuvor bereits, und mit ihrem sechsten Album eine Songauswahl vorgelegt, die sich mannigfaltiger Einflüsse bedient: Pop, Synthie-Pop, Drum and Bass, Alternative, Rap und was weiß ich denn noch. Das können andere besser auseinanderanalysieren.

Herausheben kann man das breitbeinig riffende Mantra, das durch diverse Effekte trotzdem sehr computergepimpt daherkommt, den mit stampfendem Electrobeat treibenden Nihilist Blues, der nicht weiter vom Metalcore entfernt sein könnte und mit Rock (oder Blues) so gar nichts mehr zu tun hat sowie den pompös-bombastischen Rausschmeißer I Don’t Know What To Say, der noch mal von fast allem etwas bietet und balladeske Züge trägt.

Diese Vielfalt ist spannend. Wohl etwas zu spannend für den Radiomainstream (bis auf einzelne Ausnahmen – Morher Tongue etwa), aber oft deutlich dahinschielend. Pop, definitiv. Und viel mehr. Erwartungen haben keine Chance. Düstere Bässe walzen über liebliche Kinderchöre; rockende Gitarren werden von Electro-Spielereien werden von Rapeinlagen werden von Streichern abgelöst. Und so weiter.

Gefällt das alles denn? Eine Antwort fällt nicht leicht. Wer wie ich (momentan) eher auf bestimmte Stilarten fokussiert ist, sich in Genres vertieft, wird dem gefühlt konzeptlosen Album etwas ratlos gegenüberstehen. Manche Songs treffen einen Nerv, andere gehen auf selbige. Interessant ist es, gekonnt auch. Aber nicht meins. Jedenfalls nicht so ganz …

amo erschien am 25. Januar 2019.

Rezension: Bloodsucking Zombies from Outer Space – All These Fiendish Things

Bloodsucking Zombies from Outer Space – wer sich so nennt, hat von meiner Seite schon ein paar Pluspunkte eingeheimst. Der Name verspricht Spaß, und die dazugehörige Band aus Österreich arbeitet seit 2002 daran, dieses Versprechen einzulösen.

Horrorbilly haben die vier auf der Bühne aufwändig geschminkten Herren ihre musikalische Mixtur getauft. Eine Neuschöpfung, die Rockabilly/Psychobilly mit thematischem Horroreinschlag vermuten lässt. Damit liegt man auch nicht ganz verkehrt; ich würde die aktuelle Platte All These Fiendish Things aber vielleicht eher Horror-Pop-Punk ’n Roll nennen. Okay, Horrorbilly ist griffiger.

Dennoch fällt auf, dass die Songs größtenteils sehr melodisch ins Ohr gehen und der Punkrockrotzfaktor dagegen etwas heruntergefahren wird. Bisschen zu glatt und harmlos fast, etwa Night Flier oder Rebel Heart. Im Ganzen gefällt aber die Spielfreude, die aus allen 13 Stücken trieft. Unkompliziert und eingängig ist das Motto – die Songs kommen schnell zum meist mitgröhlbaren Punkt, bieten aber genug Facetten, um nicht langweilig zu sein, z.B. durch gelegentlichen Keyboardeinsatz.

Technisch gibt es nichts zu mäkeln. Die Produktion rückt poppassend die gute Stimme von Sänger Dead „Richy“ Gein in den Vordergrund. Das ein oder andere schöne Riff lässt die Finger an der Luftgitarre mitzucken. Und wenn die Drums wie in Helluzinations ausnahmsweise mal nach vorne preschen, kommt richtig Leben in die Bude. Ein Song, der die Stärken von BZFOS vereint: Abwechslungsreich, ohrwurmig, im besten Sinne großspurig und – auf Albumlänge etwas zu selten – vor Energie strotzend.

All These Fiendish Things erscheint am 8. Februar 2019 via Schlitzer Pepi Records und Broken Silence.

punk in drublic 2019

Wenn Fans vom US-Punkrock der 90er Jahre 2019 auf ein einziges Konzert gehen, sollte es wohl dieses sein – Fat Wreck Chords Mastermind und NOFX-Frontmann Fat Mike ist erneut mit seinen Bandkollegen und einer illustren Schar an Mitstreitern auf Tour, um Skatepunk, Ska-Punk, Poppunk und co. unter die Leute zu bringen:

Bei der Europa-Tournee von punk in drublic 2019 werden insgesamt neben besagten NOFX Bad Religion, Lagwagon, Less Than Jake, The Bombpops, Millencolin, Anti Flag, The Real McKenzies, Mad Caddies, The Interrupters, Get Dead und The Lillingtons zu sehen und hören sein. Nicht bei jedem Event wird allerdings das gleiche Lineup spielen; nur die erstgenannten fünf treten in allen elf Städten auf.

Einfach großartig, dass diese Bands, die zum Teil seit fast 40 Jahren auf der Bühne stehen (Bad Religion!) und damit deutlich mehr als nur das ihnen vor allem zugeschriebene Jahrzehnt der 90er Jahre geprägt haben, immer noch voller Energie unterwegs sind. Eigentlich sollte da wohl jeder Freund von Gitarrenmusik hin …

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die gute alte Schule

Durch Gespräche mit Freunden ist mir wieder bewusst geworden, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Kunst sein kann. Streiten wir uns jetzt nicht um den Kunstbegriff, sondern zählen auch Kunsthandwerk dazu, als welches man Tätowieren vielleicht am treffendsten bezeichnen kann. Und mir geht es auch nicht um die Bewertung vom Tätowiertsein generell, das manche toll, andere grässlich finden. Ich rede von Stilrichtungen, genauer vom Old School-Stil, auch Traditional oder Western Traditional genannt.

Und das ist schon die erste Erkenntnis, die dem Thema Ferne oft noch gar nicht erlangt haben. Es gibt viele unterschiedliche Tätowierstile. Neben besagter Old School z.B. Black & Grey Realistic, Neo Traditional, Japanese, Blackwork, Aquarell usw. Innerhalb dieser Spielarten kann die Qualität natürlich schwanken. Es gibt gute und schlechte Traditionals. Was man aber nicht sinnvoll sagen kann, ist, dass etwa Realistic, um ein angesagtes Beispiel zu nehmen, hochwertiger als Traditional ist. Genau das scheinen Laien aber manchmal anzunehmen.

Traditionals zeichnen sich durch ihre Einfachheit, ihre klare Bildsprache aus. Sie sind plakativ. Ihre technische Umsetzung trägt dem Medium Haut, das dem menschlichen Alterungsprozess sowie Wettereinflüssen ausgesetzt ist, Rechnung. Soll heißen, dass sie auf (lebens)lange Haltbarkeit ausgerichtet sind. In dieser Reduktion liegt die Kunst. Die Essenz eines Motives herauszuarbeiten. Den richtigen Ausdruck einzufangen.

Zudem, und das ist eher für die Liebhaber interessant, steckt in ihnen die Geschichte des neuzeitlichen westlichen Tätowierens. Geschichten des Seefahrens, von Hafenstädten, Außenseitern und alten Meistern. Ein solcher war der Hamburger Christian Warlich:

Tattoo-Vorlagenblatt von Christian Warlich, Hamburg, um 1930

Nun, auch im Western Traditional gab es eine gewisse Entwicklung. Seit Warlich ist viel Zeit vergangen und heutige Old School-Meister stechen etwas ausgereiftere Designs. Was aber nicht zwangsläufig einen höheren Detailgrad oder mehr Farben bedeutet. Radikale Einfachheit kann ein bewusstes Stilmittel sein. Es geht mehr um handwerkliche Perfektion. Das, was man machen will, einwandfrei umzusetzen. Zu Warlichs Zeiten gab es noch mehr Ungenauigkeiten oder kleinere Fehler in den Motiven. Diese werden heutzutage nur von absoluten Hardlinern bewusst übernommen.

In Traditionals liege die wahre Kunst, so die Aussage eines sehr begabten deutschen Allround-Tätowierers. Ob man sie teilt, bleibt wahrscheinlich Ansichtssache; zumindest lässt sich ausgiebig darüber diskutieren. Wichtig bleibt die Erkenntnis, dass etwa maximaler Realismus, höchste Farbvielfalt oder völlige Neuartigkeit nicht Qualitätsmerkmale darstellen, die automatisch schwerer wiegen als die Einfachheit der guten alten Schule.

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Rezension: Kissin‘ Dynamite: Ecstasy

Zum im Juli bei Sony Music erschienen Album Ecstasy der Schwaben Kissin‘ Dynamite findet man im Netz haufenweise Besprechungen. Ist auch immerhin schon das sechste Album in der zehnjährigen Bandgeschichte und setzt eine Erfolgsgeschichte fort, die saustarken Hardrock, genauer wohl Glam Metal mit Sleaze-Einschlag, made in Germany beinhaltet.

Wichtigstes Merkmal vom Glam Metal ist die gute Laune, die beim Hören von stadiontauglichen Hymnen aufkommt. Ein erhebendes Gefühl, das die Faust in die Luft befördert. Das ganze unterfüttert von treibenden Gitarren. Lieblich (Pop), aber wild (Rock). Und manchmal ein bisschen bombastisch. Wie die perfekte Freundin. (Oder der perfekte Freund?)

Der Trick dabei, diese in den 80ern verhaftete Spielart der Rockmusik in die Gegenwart zu transportieren, ist ja, in Bezug auf Melodien und Spielfreude den alten Klassikern ebenbürtig zu sein, produktionstechnisch aber frisch aus den Boxen zu knallen. Kissin‘ Dynamite – allein der Name! – liefern da gekonnt ab.

Melodien können sie, auch wenn Bon Jovi vielleicht noch nicht erreicht werden. Gesang, Instrumente, alles tadellos. Und trotz betagtem Genre klingt das Gesamtpaket so lässig und stimmig, als würde in Deutschlands Radios nichts anderes laufen, sprich als würde jeder hier von klein auf damit groß. Nimm das, Mainstream! Also wortwörtlich.

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